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Grün bewachsene Hochhäuser.

„IM IDEALFALL TUT ARCHITEKTUR DER PSYCHE UND DEM KÖRPER GUT.“

Wie können Häuser und Räume unseren Bedürfnissen entsprechen und unser Wohlbefinden stärken? Die Architekturpsychologin Gudrun Rauwolf und Prof. Dr.-Ing. Jörg H. Gleiter von der Technischen Universität Berlin sprechen über gesunde Architektur mit Zukunft.

Interview: Antoinette Schmelter-Kaiser // Fotos: iStock, Jacek Ruta/Fak. VI, TU Berlin

Gibt es Garanten für eine wohltuende Architektur?

Gudrun Rauwolf: Es gibt Kriterien, die sich positiv auswirken. Dazu gehören der Zugang zur Natur oder Ausblick auf sie, Tageslicht, die Möglichkeit, die Akustik zu kontrollieren, gute Luftqualität und eine Raumstruktur, die Orientierung ermöglicht. Wohlbefinden ist aber nicht das Maß aller Dinge. Vielmehr muss definiert werden, wozu ein Raum dient und wer ihn benutzt. Gesundheitsbauten sollten das körperliche und psychische Wohlbefinden im therapeutischen Prozess unterstützen. Im Arbeitskontext gehören die Förderung von Kommunikation, Konzentration und kreativen Prozessen, aber auch Möglichkeiten zur Erholung zu den wesentlichen Anforderungen.

Prof. Dr. Jörg Gleiter: Es geht generell um eine angemessene Architektur, die auf den Menschen und seine Bedürfnisse abgestimmt ist. Trifft das zu, ist sie im Idealfall sowohl in psychologischer als auch körperlich-gesundheitlicher Hinsicht förderlich.

Rauwolf: Aufgabe der Architektur-Psychologie ist es, mit systematischen Werkzeugen eine Bedarfsanalyse zu machen, also Menschen mit ihrem Erleben und Verhalten in den Mittelpunkt zu setzen. Dazu gehört in Bezug auf die geplanten Nutzungen die Frage, ob sein Bedürfnis nach Schutz, Kontakt, Kontrolle, Selbstbestimmung oder auch Aktivität erfüllt ist. Für die Entwicklung der Lösungen sind die Architekten zuständig.

Prof. Dr. Gleiter: Ihre Aufgabe ist es, Ideen in Form, Material und Raum zu übersetzen. Architektur ist für mich aber auch eine kreative Praxis, die in die Zukunft orientiert ist und spekuliert, was kommt und angemessen sein wird. Am Wohltuenden alleine lässt sich ihre Qualität nicht messen. Für mich sollte sie nicht nur Erwartungen erfüllen, sondern auch anregend sein und Potenziale eröffnen, um immer wieder Neues entdecken zu können.

Hat die Pandemie das Bewusstsein dafür geschärft, wie Räume auf Menschen wirken?

Portrait von Gudrun Rauwolf.

Gudrun Rauwolf, studierte Psychologie, Bühnenbild und freie Kunst in Berlin sowie London. Seit September 2019 untersucht die Diplom-Psychologin an der TU Berlin als Doktorandin die Wirkung von Architektur auf Menschen. Unterstützt wird ihre Promotion auch von der gemeinnützigen Sto-Stiftung, die das Bewusstsein für die Bedeutung der umwelt- und menschengerechten Gestaltung des Lebensraumes erweitern möchte.

Rauwolf: Auf jeden Fall. Viele Menschen haben in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, überwiegend im Homeoffice zu sein. Aktuelle Befragungen zeigen, dass 50 Prozent auch weiterhin gerne mindestens einen Tag zu Hause arbeiten wollen. Gründe dafür sind mehr Kontrolle über Privatheit und Konzentration sowie Flexibilität bei der Zeit- und Raumgestaltung.

Prof. Dr. Gleiter: Es gibt aber auch viele, die sich in ihr Büro zurück wünschen. Homeoffice kann Isolation bedeuten. Außerdem fehlt zu Hause oft ein abgeschlossener Ort, um in Ruhe arbeiten zu können. Stattdessen sitzt man am Küchen- oder Wohnzimmertisch, die Kinder rennen herum, viele Wohnungen sind extrem klein. Für Familien und insbesondere Mütter bedeutet Homeoffice eine enorme Mehrfachbelastung und Stress.

Müssten Wohnungen anders konzipiert werden, wenn Homeoffice zu einer Dauerlösung wird?

Prof. Dr. Gleiter: Das Virus ist ein Jahrhundertereignis, das einen Entwicklungs- und Technologieschub bringt. Das erfordert Lösungen, die sich nicht so schnell umsetzen lassen. Es gibt aber Modelle. Die Architektin Myra Wahrhaftig hat einen großen zentralen Wohnbereich mit Küche und daran angelagert kleinere Funktionsräume entwickelt, in denen man u. a. ungestört arbeiten kann. Gleichzeitig ist es möglich, sich um die Kinder oder den Hund zu kümmern. In diesem Fall hätte das Homeoffice einen Mehrwert.

Rauwolf: Wichtig ist es, die Wahlmöglichkeit beizubehalten, d. h. nicht im Sinne der Effizienz Arbeitsplätze einzusparen und Arbeitnehmer nach Hause zu schicken. Ein Berliner Unternehmen setzt beispielsweise ein flexibles Konzept um: Wer weitestgehend im Büro arbeiten will, bekommt als „Siedler“ einen hochwertigen, ergonomischen Arbeitsplatz, den er individuell gestalten kann. „Reisende“ können bis zu drei Tage zu Hause arbeiten, müssen aber im Büro mit einem FlexDesk auskommen. Der frei gewordene Platz wird als Begegnungsraum umgestaltet.

Laut aktuellen Studien des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation schneiden Multi-Spaces mit aktivitätsbasierten Auswahlmöglichkeiten (Anmerkung der Redaktion: Damit ist ein Arbeitsstil gemeint, bei dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitentscheiden können) am besten ab, weil ihre Angebotsvielfalt unterschiedliche Arbeitsprozesse und -stile unterstützt und sich dies positiv auf die Leistung auswirkt.

Im Lockdown galt es, möglichst viel zu Hause zu bleiben. Hat dadurch der Außenraum einen neuen Stellenwert bekommen?

Prof. Dr. Gleiter: Je länger Sie in den eigenen vier Wänden sind, desto mehr müssen Sie als Kontrast nach
draußen. Der öffentliche Raum wird jenseits einer reinen Kommerzialisierung oder Festivalisierung, also den schon zur Genüge existierenden Einkaufsmöglichkeiten und Events, eine neue Bewertung bekommen.

Wie sollte dieser öffentliche Raum beschaffen sein, um möglichst angenehm zu sein?

Rauwolf: Es gibt von Ray Oldenburg den Begriff des „dritten Ortes“, den wir als Ausgleich zwischen Berufswelt und Familie brauchen. Als Begegnungsraum sollte dieser außerhalb der eigenen Wohnung stadtteilnah Erholungs- sowie Aufenthaltsqualität bieten. Er sollte konsumfrei, und damit auch „barrierefrei“ in Bezug auf soziale Unterschiede nutzbar sein, ein Raum, in dem Kultur und Gemeinschaft entscheidende Merkmale sind. Das können Parks, aber auch Treppenanlagen oder andere gemeinschaftliche Orte sein.

Müssen derartige Entwicklungen von öffentlicher Seite gesteuert werden?

Portrait von Prof. Dr. Jörg H. Gleiter.

Prof. Dr. Jörg H. Gleiter, habilitierte an der Bauhaus-Universität Weimar und ist seit 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie am Institut für Architektur der Technischen Universität Berlin. Da Architekturpsychologie in der Architekturtheorie und Ausbildung von Architekten „stiefmütterlich behandelt“ wird, betreut er die Doktorarbeit von Gudrun Rauwolf.

Prof. Dr. Gleiter: Planungsinstrumente zur Integration von Freiräumen gibt es natürlich schon. Sie sollten da weiterentwickelt werden, wo sie nach überholten Modellen arbeiten. Unter anderem werden neue Mobilitätskonzepte wie autofreie und fahrradfreundliche Städte die Zentren tendenziell in Stadtparks verwandeln. Aber Architektur kann die Welt nicht retten, sondern nur Bedingungen schaffen, die die Menschen dann selbst ausfüllen.

Rauwolf: Auch durch Beteiligungsprozesse, in denen Menschen ihre Wünsche und Ideen einbringen, können Orte aufgewertet werden, sowie durch Aneignungsstrategien, wie zum Beispiel gemeinschaftliches Gärtnern auf öffentlichen Flächen. Ein gelungenes Beispiel, das sehr gut angenommen wird, ist das Tempelhofer Feld in Berlin.

Das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof wird seit 2010 als riesiger Park und Freizeitfläche genutzt. Ein Teil davon sind Projekte ausgewählter „Raumpioniere“ wie Stadtteilgärten. Welche Rolle spielt Natur als Wohlfühlfaktor?

Prof. Dr. Gleiter: Zu sehen, dass etwas aus sich selbst heraus wächst, kann Menschen Sicherheit geben. Die Natur zeigt uns, dass wir Teil von etwas Größerem sind. Gerade Großstädter haben ein starkes Bedürfnis danach. Es muss aber kein eigener Schrebergarten sein, Blumen und Kräuter auf dem Balkon tun es auch. Es braucht nicht sehr viel, um Städte und Natur stärker zu verzahnen.

Wäre es sinnvoll, mehr „grüne“ Gebäude zu bauen?

Prof. Dr. Gleiter: Es gibt Beispiele wie den „Bosco Verticale“ in Mailand oder ähnliche Bauten in Singapur und Hongkong. Solche Begrünungsideen haben einen gewissen positiven Einfluss auf das Stadtklima, weil sie (Fein-)Staub filtern. Aber sie müssen aufwendig durch eigene Gärtner gepflegt werden. Vertikales Grün zum Angucken reicht meines Erachtens nicht. Grünflächen müssen horizontal sein, sodass man sie auch betreten kann – wie beispielhaft im High Line Park mitten in Manhattan zu erleben oder in der Coulée verte René-Dumont, einem Parkwanderweg im Osten von Paris. Beide bringen auf ehemaligen Hochbahn-Linien Kultur und Natur in Verbindung und setzen beides in ein interessantes Spannungsverhältnis. ///


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